Meister der Nacht:
Der Dracula der Clingenburg

Dracula (Werner Wulz) stirbt für Mina (Antje Eckermann)-4Die Vampirwelle hat nun auch Klingenberg erfasst. Zugegeben: Nach Twilight, Vampire Diaries und Co. war ich vom Hype um die blutsaugenden Nachtgestalten doch reichlich genervt. Trotzdem wollte ich Dracula auf den Clingenburg-Festspielen nicht verpassen. Erstens deswegen, weil die Festspiele für mich jedes Jahr ein kulturelles Highlight sind. Zweitens, weil sich der Dracula der Clingenburg an den Literaturklassiker von Bram Stoker anlehnt. Dessen 1992er-Verfilmung unter der Regie von Francis Ford Coppola adelt bis heute meine Filmsammlung. (Natürlich war Christopher Lee trotzdem der beste Leinwand-Dracula.)

Also warf auch ich mich in mein schönstes Outfit – es könnte ja sein, dass Dracula einen Blick auf mich wirft – und stiefelte die Stufen zur Burg hinauf. Ich hatte mir die für Vampire untypische Nachmittagsvorstellung ausgesucht und hoffte nun, dass Dracula die brennende Junisonne nicht scheuen würde. An meiner Seite war, wie so oft, mein Ehemann, dessen Blick Bände sprach. Er hasst Vampire und er hasst Musicals. In ein solches hat Komponist Frank Wildhorn die Dracula-Geschichte verwandelt.

Ich seufzte und dachte an die vielen Gelegenheiten, bei denen ich meinen Mann mit gruseligen Musicals hatte bekannt machen wollen: Die Rocky Horror Picture Show haben wir nach der Hälfte der Zeit abgebrochen (zu grotesk). Das Phantom der Oper kennt er ausschließlich gesungen aus meiner Kehle (zugegeben: Das überzeugt niemanden). Und der Tanz der Vampire hat ihn schon in der Fernsehwerbung nur zu einem müden Gähnen verleitet.Jonathan Harker (Thomas Klotz) und die Vampirinnen

Auch für Dracula lief es anfangs – zumindest was meinen Mann angeht – nicht besonders gut. Das Musical startet mit der Disney verdächtigen Schnulze Whitby Bay. Jonathan und Mina schmachten einander an und könnten ebenso Aladdin und Jasmin heißen. Ich schiele aus den Augenwinkeln zu meinem Mann und erhasche einen Blick auf latent hochgezogene Augenbrauen. Ob die nur mir auffallen? Nichts desto trotz: Antje Eckermann alias Mina singt fantastisch: kraftvoll, klar und ausdrucksstark. Ich bin beeindruckt.

Dracula hat bei mir bereits nach seinem ersten Auftritt einen Stein im Brett. Werner Wulz sieht ja schon in natura furchteinflößend aus – mit Beißzähnen und bleichem Teint ist er der Meister der Nacht höchstpersönlich. Singen kann er auch und der transsilvanische Akzent tut sein Übriges. Die Musik ist jetzt weniger Disney und mehr Rock, Metal oder was auch immer. Jedenfalls gut und ein Ohrwurm-Kandidat. Ziemlich toll finde ich Lucy. Regina Klentinitch formt ihre Figur mit Stimme, Mimik und Sexappeal und wandelt sich vom Unschuldslamm zur sexy Sünderin.Lucy (Regina Kletinitch)

Mein Mann ist inzwischen erwacht und verfolgt das Bühnengeschehen mit echtem Interesse. Wahnsinn! Die Szenen werden immer schauriger. Ein bisschen ärgere ich mich, dass wir uns nicht doch für eine Abendvorstellung entschieden haben. Der Rauch und die Lichteffekten wirken bei Tag einfach nicht. Die Schlüsselszenen – etwa als Dracula der ekstatischen Mina sein Blut zu trinken gibt – sind entweder vor Horror kaum auszuhalten oder romantisch ohne Ende. Jedenfalls lehnt sich der Kopf des Mädchens vor mir auffällig oft an ihren männlichen Begleiter.

Als Frau kann ich mich der Faszination der Story zugegebenermaßen auch nicht ganz entziehen. Eine Frau zwischen zwei Männern – irgendwie cool. Man stelle sich das mal in Real-Life vor. Der eine brav und treu, der andere gefahrvoll und verwegen. Kein Wunder, dass Mina sich da nicht entscheiden kann. Könnte ich es? Ich versuche diesen Gedanken abzuschütteln. Muss dramatisches Theater denn immer so suggestiv und manipulativ sein?Dracula Mina

Mit ein bisschen Verfremdung kann das Musical aber auch dienen. Als Jonathan in Draculas Palast einen Vorhang lüftet, kommt ein Plakat zum Vorschein, das Georg W. Bush neben Hitler und Mao zeigt. Ist das etwa eine Botschaft an das Publikum? Zumindest scheint das Plakat zur allgemeinen Erheiterung beizutragen.

Alles in allem muss ich sagen: Gute Vorstellung, solide Sängerleistung, coole Musik und das alles vor der atmosphärischen Kulisse der Clingenburg. Ich bin auch in diesem Jahr nicht enttäuscht worden. Und mein Mann? Der meinte zum Schluss: „Ja, war okay“. Aus seinem Munde und noch dazu als Kommentar über ein Vampirmusical ist das höchstes Lob. Auf dem Nachhauseweg fällt ihm dann sogar noch ein: „Vampire sind nicht immer schlecht. Blade zum Beispiel ist cool.“ Ich gebe also hiermit der Festspielleitung die Anregung: Warum nicht mal ein Marvel Comic zum Thema machen. Wäre doch cool!

Es grüßt herzlichst
Julia Preißer

Bilder Copyright: Mit freundlicher Genehmigung von appeal advertising GmbH

5 Gedanken zu „Meister der Nacht:
Der Dracula der Clingenburg

  1. Ein typisches Frauenthema und das in einem Musical verpackt… Als Mann muss man viel Liebe zu seiner Partnerin aufbringen um sich so etwas anzutun. 😉

    • Hallo Frank,

      da hast du wahrscheinlich Recht. Ich werde es meinem Mann hoch anrechnen, dass er mit mir dort war. Aber ich denke, das Musical hat ihn im Großen und Ganzen doch überzeugt und überrascht. Vielleicht schaust du es dir ja auch mal an. 🙂

      Liebe Grüße
      Julia

  2. Ein Marvel-Comic bei den Clingenburg-Festspielen? Schon erledigt: Marvel gab in den 70ern die Serie „Tomb of Dracula“ heraus, in der Blade übrigens seinen ersten Auftritt hatte. 😉

    • Hallo Werner,

      ein Kommentar von Dracula höchstpersönlich! Vielen Dank dafür! Ich muss zugeben, dass ich mich im Marvel-Universum nicht wirklich gut auskenne. 🙂
      Wünsche dir noch eine tolle Zeit auf der Clingenburg und viele schaurig-schöne Momente!

      Liebe Grüße
      Julia

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